PfadnavigationHomeRegionalesHamburgKunsthalleHundert Jahre EwigkeitVeröffentlicht am 13.06.2025Lesedauer: 5 MinutenDetail aus „Totes Meer (Dead Sea)“ von Paul Nash (1989-1946)Quelle: Tate/Tate Images/Nash, PaulDie Hamburger Kunsthalle zeigt von morgen an die Schau „Rendezvous der Träume. Surrealismus und deutsche Romantik“ mit 250 bedeutenden Werken aus beiden Epochen.Als sich Max Ernst 1925 in Pornic an der französischen Atlantikküste aufhielt, bemerkte er die markante Maserung im Holzfußboden seines Hotelzimmers. Kurzerhand legte der surrealistische Maler, immer offen für die kreative Kraft des Zufalls, ein Blatt Papier auf die Dielen und rieb die Struktur des Holzes mit einem Bleistift hindurch. Die Technik der Frottage, die sich Ernst hier erschloss, prägte im Folgenden sein Werk und erlaubte es ihm, in einen fühlbaren, direkten Kontakt mit seiner Umgebung zu treten. Dahinter stand ein Credo: Kunst sollte keine Nachahmung der Natur sein, sondern eine zweite Natur schaffen. „Ernst war ein kenntnisreicher Romantik-Fan“Diese Anschauung war eine von vielen, die Ernst mit den Dichtern und Malern der deutschen Romantik teilte. Die innere Nähe zu einer Epoche, die seinerzeit etwa 100 Jahre zurücklag, macht Ernst zu einer Schlüsselfigur der Ausstellung „Rendezvous der Träume – Surrealismus und deutsche Romantik“, die in der Kunsthalle vom 13. Juni an die Geistesverwandtschaft zwischen beiden Bewegungen erforscht. „Ernst war ein kenntnisreicher Romantik-Fan, der seine Begeisterung Anfang der 1920er-Jahre mit nach Paris nahm. Dichter wie Novalis und Achim von Arnim wurden bald auch dort verehrt“, erklärt Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers, von der das Konzept der Schau stammt.Die Romantik war eine Reaktion auf den Rationalismus der Aufklärung und die Industrialisierung, während der sich nach dem Ersten Weltkrieg formierende Surrealismus gegen die Entmenschlichung des Individuums und gegen die Entzauberung der Welt focht. Die Realität wurde in Frage gestellt, es galt, die Gesellschaft zu transformieren. Wie die Romantik kam der Surrealismus aus der Literatur: Das „Surrealistische Manifest“ wurde vom französischen Dichter André Breton vor 100 Jahren verfasst. Im Rahmen dieses Jubiläums kooperiert die Kunsthalle erstmals mit dem Centre Pompidou, Paris, aus dem 35 Leihgaben in die Hansestadt kommen. Insgesamt stehen 250 Werke von rund 70 internationalen Leihgebern zur Schau.Gegenüberstellung zweier EpochenDoch es sind zwei hauseigene Ikonen, die Görgen-Lammers zum Ausgangspunkt der Untersuchung macht. Bislang wurden sie noch nie zusammen gezeigt oder aufeinander bezogen: Max Ernsts Gemälde „Ein schöner Morgen“ steht Philipp Otto Runges „Der Morgen“ gegenüber. Bei einem Hamburgbesuch 1964 hatte der Surrealist das Programmbild der Romantik erstmals im Original gesehen. Sein ein Jahr später vollendetes Werk zeigt deutliche Parallelen. So orientierte sich Ernst in der Bildaufteilung an Runge, ließ wie er eine Lilie aus Licht emporwachsen und zitierte mit einem dekorierten Rahmen sein Vorbild.Auf dem weiten Weg von den Tiefen des Unterbewusstseins bis hinauf zu kosmischen Dimensionen, der vom Erdgeschoss im Hubertus Wald Forum („Traum“) über die Passage („Wald“) im Altbau bis zum „Kosmos“ im Kuppelsaal ganz konkret erwandert werden muss, stellt die Kuratorin weitere Bezüge zwischen den Werken von 65 ausgewählten Surrealisten und 30 Romantikern her. Da trifft etwa Caspar David Friedrichs „Eismeer“ mit seinen geschichteten Eisschollen auf Paul Nashs Gemälde „Totes Meer“ von 1940, auf dem sich Flugzeugwracks der deutschen Luftwaffe türmen. Da zeigt der Romantiker Johan Christian Dahl ein weit offenes Fenster zur Natur, während Marcel Jeans „Surrealistischer Schrank“ eine Landschaft hinter halb geschlossenen Türen verbirgt und verrätselt. Und da steht Georg Friedrich Kerstings altmeisterliches Friedrich-Porträt einem Guillaume-Apollinaire-Bildnis von Giorgio de Chirico gegenüber, der den Dichter als antike Skulptur mit Sonnenbrille inszeniert und auf die Künstler-Fähigkeit des inneren Sehens anspielt.Ein ganzer Raum ist dem Wald gewidmetDie Themen der Schau, darunter etwa Liebe, Naturgefühl und Freundschaft, bewegten beide Epochen. So stehe etwa das Werk „Rendezvous der Freunde“ von 1922, auf dem sich das surrealistische Personal versammelt hat, in der Tradition der romantischen Freundschaftsbilder, sagt Görgen-Lammers. Auch das Interesse am Traum teilten beide Bewegungen: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“, bekundete Breton. Schlafende und träumende Gestalten sind bei Johann Heinrich Füssli ebenso anzutreffen, wie bei Salvador Dalí oder René Magritte; und tiefgründige Bilder der Nacht schufen nicht nur Friedrich und Dahl, sondern auch Brassaï, Joan Miró, Dora Maar und Jane Graverol.Auf halbem Weg zur Kuppel ist ein ganzer Raum dem Wald gewidmet, in dem sich vor allem Ernsts wuchernde Urwaldszenarien ausbreiten, ergänzt von ähnlich verschlungenen Landschaften des Romantikers Carl Wilhelm Kolbe. Auch eine Baumstudie von Carl Gustav Carus findet sich, zudem das Gemälde eines weiblichen, einem Baumstumpf ähnelnden Torsos der surrealistischen Malerin Toyen. Der Wald, magisch, verführerisch und bedrohlich zugleich, ist ein geeigneter Ort, um an die Grenzen des Bewusstseins vorzudringen. Ruinen, Grotten, Höhlen und Steine – teils mit Weiblichkeit und Sexualität assoziiert – waren weitere relevante Motive, die von Goethe bis Man Ray oft bearbeitet wurden.Kranke Mondsichel futtert SternenmaterieAm Ende geht es um eine poetisierte Vorstellung der Welt, die Romantik und Surrealismus teilten: Alles ist im Universum mit allem verbunden und wirkt zusammen. Allerdings bemühten sich die Romantiker darum, das Göttliche sichtbar zu machen, während die Surrealisten ganz ohne höhere Macht auskamen – dies wird etwa im Gemälde „Himmlischer Brei“ von Remedios Varo deutlich, auf dem eine Frau Sternenmaterie durch eine Maschine dreht und an die kranke Mondsichel verfüttert.Kunsthalle: „Rendezvous der Träume“, 13. Juni bis 12. Oktober