PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenLob der EisdieleDer disruptive Pseudo-Geist der Gegenwart hat die Eisdiele erreichtVeröffentlicht am 16.06.2025Lesedauer: 6 MinutenDas Eis-Café Pinocchio in Dorum an der NordseeküsteQuelle: Frédéric SchwildenSpaghettieis war gestern. Heute gibt es Bowls, Currywurst-Eis und Aktivkohle-Vanille-Scoops. Und das diffus nostalgische Gefühl, das nur im Sommer möglich ist, das ist irgendwie weg. Warum man nicht immer alles neu denken muss.Im Eiscafé Venezia in Erlangen verkaufen sie jetzt „Gelato Bowls“. Die heißen „Mr. Choc“, „Caramel & Crumble“, „Love U Cherry Much“ und „Harte Nuss“. Und sogar ein Collabo-Eis (Franzbrötchen) in Zusammenarbeit mit der örtlichen Bäckerei Gulden gibt es. An der Wand hängt ein aus leuchtendem Neonschlauch geformtes Herz, das wie eine Mischung aus Dalí-Uhr und schmelzendem Eis heruntertropft.Die Disruptionspotenzzurschaustellung hat seinen Weg durch die Ketaminnasen aus dem Silicon-Valley über die geölten Kettensägen Argentiniens bis zur Provinz-Eisdiele gefunden. Alles wird neu gedacht. Jetzt auch das Eis. Dabei ist Eis wie Sex von zeitloser Schönheit. An drei Kugeln Eis mit Sahne muss original nichts neu gedacht werden. Die Bowls in Erlangen sind so gesehen auch eher semantisches Neuland. Es sind am Ende doch klassische Eisbecher, die nur nicht mehr in einem Glas, sondern in einer flacheren schwarzen Schale serviert werden. Trotzdem, dieses diffus nostalgische Gefühl, das nur im Sommer möglich ist, das ist irgendwie weg.Viel mehr als die Behauptung von Handwerk, wie bei den urbanen Hipster-Eisdielen wie Hokey Pokey in Berlin, ist doch einzig und allein das Gefühl beim Eis entscheidend. Natürlich schmeckt gutes Eis (Sahne, echte Früchte, echte Schokolade) besser als schlechtes. Bei Kugelpreisen über 2 Euro kann man auch ordentliche Zutaten erwarten. Aber es geht um etwas, viel größer als das Eis an sich. Der Disney-Animationsfilm „Ratatouille“ zeigt die synästhetische Kraft von Essen. Ein verbitterter und bösartiger Essenskritiker wird am Ende des Filmes durch die Kindheitserinnerungen, die das schlichte titelgebende französische Gemüsegericht in ihm weckt, wieder zu einem fröhlichen Menschen.Die Eisdiele arbeitet genau mit diesen Mitteln. Genauso wie man bei der Schwimmbad-Pommes auch noch mit Ende 30 an das erste Mal Bekifft-auf-der-Liegewiese-knutschen denkt, an den Geruch der Haare des Gegenübers, an die warme Haut, an die selbstgedrehten Zigaretten und die Musik, die man gehört hat zu dieser Zeit, geht man beim Besuch einer Eisdiele auch auf eine Reise durch Zeit und Ort.Tropft sich selbst verschwendend auf die Haute CoutureElement of Crime, die Band des Schriftstellers Sven Regener, hat dazu im Jahr 2009 das Stück „Am Ende denk ich immer nur an dich“ veröffentlicht. Es geht nicht um eine Eisdiele, aber um eine Situation mit Eis. Eine Mutter stolpert über das Bein eines Kindes, das „ein Erdbeereis in seiner rechten Hand“ hält. „Das hängt bedenklich schräg nach vorn in seiner Waffel/ Und tropft sich selbst verschwendend auf die Haute Couture/ Am Leib des ganzen Stolzes seiner schönen Eltern/ Und wird zu Dreck dort, genau wie ich bei dir/ Ganz egal, woran ich grade denke/ Am Ende denk ich immer nur an dich“, singt der bierselige Sven Regener da.Ich denke an Carmen. Sie war auf der Hauptschule und hat mir in der fünften Klasse eine Rose geschenkt. Ich hab’ sie dafür zum Eis eingeladen. Ich sehe ein Fünfmark-Stück in meiner Hand, dann Euro-Münzen. Ich sehe weiße Schnüre Vanilleeis aus der Maschine gleiten. Die dünnen Servietten im Chromständer auf der gläsernen Theke. Die Schlange, mit den Kindern an den Händen der Eltern. Ich seh’ die älteren Damen beim Eiskaffee, beim Schwedeneisbecher, beim Banana-Split. Ich seh’ sie West-Zigaretten rauchen und Cappuccino trinken. Ich sehe eine Kugel Schokolade von meiner Waffel in Zeitlupe auf den Boden fallen. Ich seh’ den verzweifelten Versuch, sie irgendwie wieder sauber auf die Waffel zu kriegen. Ich schmecke Steinchen und Staub der schmutzigen Eiskugel. Ich sehe den todgeweihten Eisbecher Pinocchio in der Sonne seinen letzten Atemzug nehmend zum Blobb und dann zur Blut-Lache werden.Eis essen hat auch etwas mit der Todessehnsucht des Menschen zu tun. Eis beim Schmelzen zuzusehen ist die sozial akzeptierte Form von Snuff- und Mondo-Filmen. Die bunten Innereien gleichenden Sahnepfützen auf den Böden der Becher am Ende eines jeden Eisdielenbesuchs ist das vom Christentum entkoppelte und etwas fröhlichere Genesis-Zitat: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren.“Tatsächlich ist das bundesrepublikanische Eiscafé eng mit dem Schweiß der Arbeit verbunden. Die Lokale, die in der Wirtschaftswunderzeit in Westdeutschland mit Namen wie Venezia, Dolomiti, Capri oder Bassanese eröffneten, waren für die damalige Generation der Beweis ihres kleinen, neuen Wohlstands, den sie sich nach der harten Arbeit des Wiederaufbaus verdient hatte, aber vor allem leisten konnte. Gleichzeitig verkürzten sie die Zeit bis zum nächsten Italienurlaub, oder ersetzten ihn, wenn das Geld doch knapp war.George Washington liebte EiscremeVorher war Eis nur absurder Luxus. Er war etwas für reiche Franzosen oder Engländer oder Amerikaner. Der erste amerikanische Präsident, George Washington, liebte Eiscreme. Vor seinem Anwesen in Virginia, Mount Vernon genannt, fließt bis heute der große Fluss Potomac. Fror dieser zu, mussten Sklaven und Arbeiter riesige Eisblöcke aus ihm herausbrechen und in Sägespäne und Stroh packen. So konnte George Washington schon in den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts bis in den Juni Eis essen. 1784 schafften Washington und seine Frau gar eine „Cream Machine for Ice“ an. Der damalige Preis laut der George Washington Presidential Library: „One pound, thirteen shillings and three pence.“ Washington soll nicht nur süßes Eis gemocht haben. Auf der Homepage von Mount Vernon, wo heute noch ein Museum und ein Besucherzentrum sind, wird das Rezept eines Parmesan-Eises aufgeführt.In München eröffnete 2012 Matthias Münz unter dem Namen „Der verrückte Eismacher“ sein erstes Geschäft. Er setzt seitdem – inszeniert und rezipiert als „verrückt“ – auf vermeintlich neue Eissorten in Geschmacksrichtungen wie Gorgonzola-, Weißwurst- oder Currywurst-Eis. Neu war das allerdings nicht, sondern nur „neu gedacht“. Diesen Trend setzen die in der zeitgenössischen Breite angekommenen „neuen“ Eisdielen, die sich jetzt „Eismanufaktur“, „Eiswerkstatt“, „Eislabor“ nennen, fort. Sie setzen einerseits auf traditionelle Werte wie Handwerklichkeit, betont oft durch Logos, die an handgekritzelte Kinderbuch-Illustrationen im Stile der 60er-Jahre anknüpfen. Andererseits speisen sie sich aus einem ultra-zeitgenössischen Bewusstsein.Diese neuen Eisdielen sind in Wahrheit Kapellen des digitalen Spätkapitalismus. Sie sind im turbokapitalistischen Geiste eines Apple-Stores eingerichtet. Sie sind clean, glatt, leicht zu wischen, aseptisch, in ihren Pastell-Tönen maximal weich, gefällig und schwach im Ausdruck. Yves-Klein-Blau ist eine Farbe. Pastell-Pistazie ist die Abwesenheit von Farbe. Mein Kollege Ulf Poschardt sagte einmal über E-Autos, dass ihnen die Seele fehle. Bei den modernen Eisdielen ist es genauso. Sie sind nicht als etwas Neues, als Konsequenz eines beseelten Gedankens entstanden, sondern als „bessere Variante“ von etwas. Sie sind das, was passiert, wenn die Kinder aus dem Unterbewusstsein von Roland Berger und McKinsey über Eis nachdenken. Die Manufakturen und Labore sind das Ergebnis von Menschen, die so viel arbeiten, dass sie bis zum Erbrechen durch Selfcare, Yoga und Digital Detox ein Gegengewicht schaffen müssen.Lesen Sie auchDie nostalgische Aufladung der Eisdiele ist damit gestorben. Die 60er-Jahre, der Sahne-befeuerte Wohlstand soll bilderstürmend auf den Trümmerhaufen der kulinarischen Geschichte geworfen werden. Aber welche Gefühle erzeugen diese Eisdielen? An was sollen sich die heutigen Kinder denn in 30 Jahren beim Besuch einer Eisdiele erinnern?Werden sich die Kinder von morgen an Açai-Sorbet, an Aktiv-Kohle-Vanille- und Basilikum-Olivenöl-Eis erinnern? Ich glaube nicht. Diese Eissorten werden genauso vom Himmel fallen wie Dorothee Bärs Fantasie von Flugtaxis. Die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs hat ihren Platz als Randnotiz gefunden. Ein „Ave-Maria“ oder ein „She Loves You“ der Beatles ist für die Ewigkeit. Drei Kugeln gemischtes Eis mit Sahne ebenso.
Eisdiele: Spaghettieis war gestern. Heute gibt es Aktivkohle-Vanille-Scoops - WELT
Spaghettieis war gestern. Heute gibt es Bowls, Currywurst-Eis und Aktivkohle-Vanille-Scoops. Und das diffus nostalgische Gefühl, das nur im Sommer möglich ist, das ist irgendwie weg. Warum man nicht immer alles neu denken muss.






