PfadnavigationHomeICONISTFitness & WellnessSommervergnügenWenn es für alles andere zu warm ist – ist Pétanque genau richtigVon Konstantin ArnoldVeröffentlicht am 16.06.2025Lesedauer: 7 MinutenImmer mehr Menschen entdecken das Boule-Spiel für sich – die Ausrüstung ist günstig, gespielt werden kann fast überallQuelle: Konstantin ArnoldEine zu Unrecht unterschätzte Sommersportart und weit mehr als Freizeitgeplänkel im Schatten der Bäume: Wie Pétanque funktioniert, was es ausmacht – und warum oft Ruhe und ein Glas Pastis mehr zählen als der Siegeswille.Endlich ist er da, der Sommer. Lange Lunches im Freien, Essen und Trinken mit Freunden. Oft bleibt man nach dem Mittagessen einfach sitzen, trinkt Rosé um Rosé und vergisst die Zeit – ohne weiterzuessen. Im Süden ist das ganz normal. Manchmal sind das Meer zu weit und der Wein zu kalt, um einfach aufzustehen und etwas zu ändern.Man sucht nach Alternativen, die auch mit leichtem Schwips noch möglich sind – eine kleine Aktivität abseits des Tisches, ohne gleich tanzen zu müssen. Am liebsten sportlich, aber bitte ohne ins Schwitzen zu geraten. Pétanque ist in solchen Momenten perfekt: Nach einem langen Lunch, wenn man vom Wein schwer ist, die Sonne hoch am Himmel steht, die Arbeit ruht und nur die Bienen noch Kraft haben. Statt sich sinnlos bis zum Abendessen am Tisch festzuhalten, steht man im Schatten der Maulbeerbäume, wirft ein paar Kugeln, trinkt – aber weniger – und wird durch das Spiel und die periphere Konzentration langsam wieder nüchtern.Pétanque ist ein dem Boule-Spiel zugeordneter Präzisionssport: Zwei Mannschaften versuchen, ihre Kugeln möglichst nah an einer Zielkugel zu platzieren. Im Wettkampf treten entweder drei Spieler pro Team (Triplette), zwei (Doublette) oder jeweils einer (Tête-à-Tête) gegeneinander an. Die Geschichte des Sports beginnt um 1907 in La Ciotat bei Cassis. Dem Cafébesitzer Ernest Pitiot war das damals verbreitete Jeu Provençal – eine bewegungsintensivere Boule-Variante, bei der aus Anlauf geworfen wird – zu anstrengend. Er erfand ein Spiel, bei dem die Spieler mit beiden Füßen am Boden bleiben. Lesen Sie auchDer Name Pétanque leitet sich vom okzitanischen „pés“ (Füße) und „tancar“ (die Füße schließen) ab, beide mit lateinischen Wurzeln. Genau nimmt das niemand – und es ist auch unwichtig. Pétanque braucht keine Vorkenntnisse, nur Lust, entspannte Mitspieler und ein paar Kugeln, sie müssen nicht direkt 400 Euro kosten oder Initialen tragen – können es aber, was nur die Ernsthaftigkeit dieser Sportart unterstreicht. Es ist eben mehr als nur Murmeln: Es gibt Hierarchien und Spielpositionen – und sogar einen Film („Eine ganz ruhige Kugel“), der zeigt, wie wenig es eigentlich um das Spiel selbst geht. Die klaren Regeln bleiben nur der Käfig, in dem man fliegen darf.Henri Lacroix gilt vielen als bester Pétanque-Spieler, andere sehen Philipp Suchaud vorne – mit 14 Weltmeistertiteln. Philippe Quintais folgt mit 13 Titeln und zahlreichen weiteren Erfolgen: wie Mediterraner Meister, vierfacher Europameister, dreifacher europäischer Klubmeister, zwanzigfacher französischer Meister (darunter viermal provenzalischer, was als noch anspruchsvoller gilt) und fünfmaliger Sieger des französischen Klubpokals. Er spielt meist als führender oder mittlerer Zeiger (pointeur de tête oder milieu) und gewann mit seinen Mitspielern drei Jahre in Folge (2001 bis 2003) die Weltmeisterschaft, ehe Frankreich den Titel weitere sieben Jahre holte. Frankreich oder französischsprachige Länder dominieren den Sport: Im internationalen Medaillenspiegel liegt Frankreich mit 27 Triple-Siegen uneinholbar vorn, Deutschland steht bei null. Die Ursprünge des Spiels liegen in der Provence, erfunden von einem „Marseillaise“. Die Geschichte zieht sich durch Generationen und Gesellschaftsschichten – Hollywoodstars spielen mit Straßenfegern.Lesen Sie auchPétanque ist heute vor allem Symbol südfranzösischer Lebensart und zieht exzentrische Charaktere an. Das Spiel ist Spektakel: Die Interaktion von Spielern und Zuschauern bestimmt oft den Verlauf. Ein theatralisches Geplänkel für alle, die nicht über Fußball reden, aber dennoch diskutieren wollen – und das mit lässiger Selbstverständlichkeit. Pétanque vereint die lokale Gemeinschaft, vom Jardin du Luxembourg bis zu den Dörfern der Provence. Außenseiter können hier zu Stars werden, statt in der Dorfkneipe zu verschwinden. In manchen Orten werden sogar Busse gestoppt, damit Spieler ihr Match zu Ende bringen können. Gerade in seinem scheinbaren Unsinn entfaltet Pétanque einen besonderen Ernst. Der Sport folgt einer strengen Sensibilität, die sich hinter der lässigen Fassade verbirgt und einer kuriosen Sammlung altmodischer Regeln unterliegt. Es gibt ein eigenes Vokabular, feine Nuancen, die man sich mit der Zeit aneignet und selbst entschlüsseln muss. Stunden um Stunden rollt man Kugeln auf eine kleinere Kugel zu. Unsinnig? Vielleicht. Doch viele widmen ihr Leben genau dieser in sich geschlossenen Absurdität, einer Gemeinschaft – ihren Gesetzen und Rhythmen. Das mag bedeutungslos wirken, aber was hätte dann überhaupt noch Bedeutung? 22 Männer, die ihre besten Jahre opfern, um einem Ball hinterherzulaufen und mit 35 immer noch nicht Montaigne gelesen haben?Pétanque verlangt Ruhe und Reife. Wärme auf dem Rücken, das Zirpen der Zikaden, Schatten alter Platanen – das ist die Kulisse. Spieler begegnen sich entspannt, Schlägereien oder Schiedsrichterbeleidigungen sind selten. Gespielt wird um des Spiels willen, nicht für Ruhm oder Fitness. Man ist ganz im Moment, mit Zigarillo (Zigaretten brennen zu schnell ab) und Pastis, der zum Spiel gehört. Das „Dopingproblem“ ist gelöst: Pastis steht nicht mehr auf der Liste unerlaubter Mittel. Wer nicht raucht oder trinkt, faltet die Hände hinter dem Rücken. Geduld ist gefragt, das Tempo bedächtig. Es geht um die kleinen Dinge – etwa den Magnet an der Schnur, um Kugeln aufzuheben. Nur der Wurf bleibt bei jedem einzigartig: Die Besten gehen leicht in die Knie, lassen die Kugel mit Effet aus dem Handgelenk rollen. Der Blick verfolgt die Bahn, als könnte er sie noch lenken. Das erste Mal so glückliche Männer beim Pétanque sah ich 2018 in Saint-Tropez, vor dem Le Café. An den Wänden des Cafés hängen Fotografien von Gunter Sachs und Brigitte Bardot: pétanquespielend, zufrieden, leicht beschwipst. Dieses Bild blieb – die Faszination für das Spiel erwachte erst später, in Saint-Paul-de-Vence. Dort, im Schatten der Bäume eines malerischen Dorfplatzes, findet man vielleicht den schönsten Ort für Pétanque. Touristen versammeln sich ehrfürchtig, als stünden sie vor einer Sehenswürdigkeit, die man nicht anfassen kann – machen Fotos und staunen, was auch die Spieler anspornt. Die Terrasse des Cafés de la Place funktioniert wie eine Loge. Das berühmte La Colombe d’Or zog Prominenz an: Belmondo, Picasso, Paul Newman, Orson Welles, Tony Curtis, Sophia Loren, Romy Schneider, Alain Delon, Brad Pitt, Quentin Tarantino, Marion Cotillard und Yves Montand – sie alle haben dort gespielt.Lesen Sie auchPétanque sollte weder am Strand, im Gras noch auf Parkplätzen oder Raststätten gespielt werden. Idealerweise spielt man auf festem, leicht nachgiebigem Grund und in passendem Umfeld. Offiziell ausgewiesene Plätze liegen oft abseits und eignen sich wenig als Treffpunkt. Im Centre-Ville lässt sich das Spiel leichter in den Alltag einbinden – eine unkomplizierte Möglichkeit, Einheimische kennenzulernen. Meist genügt die Frage nach einem Ort, um ins Gespräch zu kommen. Oft folgen eine Einladung zum Pastis und der Austausch von Familienfotos – ein in manchen Regionen festes Ritual. Ob in Lissabon im Jardim Torel oder im südfranzösischen Vence: Pétanque bleibt ein stilles Ritual der Zugehörigkeit – zunächst sitzt man im Café, bevor man allmählich Teil der Gemeinschaft wird. Anfangs werden die Neuankömmlinge oft belächelt oder ignoriert, doch mit Zeit, Leidenschaft und Beharrlichkeit entsteht Nähe. Glück beim Pétanque heißt, nichts zu verlangen, außer dem Moment – eine Haltung, die sich nicht erklären lässt, sondern vorgelebt werden muss. Zutritt zu den gesellschaftlichen Kreisen erhält nur, wer Engagement und Geduld aufbringt. Im Clubhaus erinnern Schwarz-Weiß-Fotografien an alle, die hier gespielt haben – Präsidenten ebenso wie Müllmänner.Am nächsten Tag grüßen alle, sogar der Müllmann winkt. Er steht mit zwei Frauen da und stellt vor: „Das ist Kohnstahntain, ein Deutscher, – gar nicht so schlecht. Er müsste nur weniger denken und nicht so draufdreschen.“ Die Frauen winken freundlich. Nun darf der Kreis gezogen und das Cochonnet sechs bis zehn Meter weit geworfen werden. Im Team: Moso und sein Bruder aus Tahiti, Yann, ein verschlafener Typ, und Jean-Claude, Franzose mit weißen Haaren und rosa Hemd – später von Alexandre abgelöst, weil er Rosé trinken muss. Mal gelingen die Würfe gut, mal schlecht, doch zwei Carreaus in Folge – die gegnerische Kugel wird entfernt, die eigene bleibt liegen – sorgen für Begeisterung auf dem Platz. Schulterklopfer folgen. Seither ist es die zweite Position, auf der weitergespielt wird: von dort aus darf platziert und geschossen werden, falls Moso, der beste Schießer, nicht mehr kann. Einen ausgeben? Nur nach einer punktlosen Niederlage.Wie viele Dorfspiele hat auch Pétanque eigene Traditionen. Beim Cricket stehen Zuschauer auf einem Bein, wenn der Punktestand 111 erreicht; beim Pétanque ist es das 13:0. Wer zu null verliert, muss zur Strafe den nackten Hintern einer Frau namens Fanny küssen. Der Legende nach war Fanny eine Kellnerin in einem Café am Boulodrome von La Ciotat. Sie tröstete Verlierer zunächst mit einem Kuss auf die Wange. Als einmal sogar der Bürgermeister verlor, stellte sich Fanny auf einen Hocker und bot symbolisch ihre Hinterseite zum Kuss.
Boule und Boccia: Wenn es für alles andere zu warm ist – ist Pétanque genau richtig - WELT
Eine zu Unrecht unterschätzte Sommersportart und weit mehr als Freizeitgeplänkel im Schatten der Bäume: Wie Pétanque funktioniert, was es ausmacht – und warum oft Ruhe und ein Glas Pastis mehr zählen als der Siegeswille.






